Warum #BILDindieTonne die falsche Reaktion auf die Selbstbeweihräucherung der BILD ist

Als ich vorgestern in die aktuellen Trends auf Twitter schaute, war ich erstaunt, dass die BILD-Zeitung es anscheinend schon wieder geschafft hatte, das Aufsehen der deutschen Netzgemeinde auf sich zu lenken. Anlass war diesmal, nur kurz nach der #BILDnotwelcome-Aktion, die heute erfolgte Verteilung von Gratisausgaben an alle 42 Millionen Deutschen Haushalte zur Zelebrierung der deutschen Wiedervereinigung.
Schnell verbreiteten sich nach einem Artikel des BILD-Blogs die Tweets mit Hinweisen darauf, man solle doch die BILD doch heute direkt aus dem Briefkasten in die Mülltonne wandern lassen und davon dann ein Foto in die sozialen Netzwerke teilen. Skeptisch wie ich bei vielen solcher viralen Aktionen bin, begann ich dem ganzen zuerst einmal etwas nachzuforschen.

Ich hatte natürlich auch von den letzten Gratisaktionen der BILD mitbekommen und wusste bereits, was da auf mich zukommen würden. Bei den letzten Aktionen hatten auch schon Tausende Deutsche vorab der Lieferung der Gratisausgabe schriftlich widersprochen, doch dieses Mal sollte man also ein Foto von der zerknüllten oder gar zerrissenen Bild auf Twitter teilen.
Ich möchte vorab darauf hinweisen, dass ich keineswegs ein BILD-Leser bin und auch genau wie die Netzgemeinde über die #RefugeesNotWelcome-Tweets von Kai Diekmann empört war, aber trotzdem kommt mir die vom BILD-Blog nun aufgerufene Aktion etwas komisch daher.

Die BILD hat ohne Zweifel oft sehr reißerische Schlagzeilen, undurchsichtige und manchmal auch falsche Berichterstattungen und vor allem auch widersprüchliche Aussagen im Repertoire und hat deshalb auch einen entsprechenden Ruf bei einem Großteil der Bevölkerung. Nichtsdestotrotz ist sie die auflagengrößte Zeitung in Deutschland und hat damit auch einen gr0ßen Einfluss.
In keinem anderen Industrieland ist es anders als in Deutschlad in dem Sinne, dass sich Boulevardzeitungen beziehungsweise die “Gelbe Presse” am besten verkauft. Deshalb haben solche großen Zeitungen auch eine große Verantwortung. Diese wird oft missbraucht, indem oft auch Artikel veröffentlicht werden, die einzelnen (unschuldigen) Personen oder gar Personengruppen schaden. Daran besteht kein Zweifel. Doch genau aus diesem Grund gibt es auch Seiten wie den BILD-Blog, die ein Auge auf die BILD werfen, und es herrscht schnell große Empörung, wenn die BILD einmal mehr Persönlichkeitsrechte verletzt oder Unwahrheiten verbreitet. Das merkte man schnell bei der bereits genannten #Refugees(Not)Welcome-Kampagne.

Für jedes Foto, das uns so erreicht, besorgen wir ein Exemplar eines Deutsch-Lernhefts für Asylbewerber. Das Lehrmaterial stellen wir dann Deutschkursen in Flüchtlingsunterkünften zur Verfügung.

Doch nun zu meinem Punkt: Ich finde, dass die Aktion des BILD-Blogs die falsche Herangehensweise ist. Um deren Aktion noch einmal zu verdeutlichen: Für jedes Bild einer ungelesenen (wie auch immer das überprüft werden mag) zerknüllten BILD möchte der BILD-Blog ein “Exemplar eines Deutschlernhefts für Asylbewerber” besorgen. Das ganze ist natürlich beschränkt, der BILD-Blog hat laut eigenen Angaben nur ein Budget für ein Kontingent von 1000 Heften, welches wahrscheinlich längst überschritten ist.
Doch was ich an der Kampagne des BILD-Blogs beachtlich finde, ist die Idee, hier eine ungelesene Zeitung in den Müll zu werfen, ohne nachzuschauen, was denn eigentlich darin steht. Nur, weil man bisher generell ein schlechtes Bild der BILD hat (Wortspiel war nicht beabsichtigt), soll man also diese Gratisausgabe wegwerfen und stattdessen (so die Idee) den Flüchtlingen etwas gutes tun. Ganz am Rande: Laut BILD-Blog macht die BILD mit dieser Gratisausgabe Werbeeinnahmen in der 2-stelligen Millionenhöhe (1 Seite kostet demnach 4,2 Millionen Euro). Warum nicht mit einer ähnlichen Aktion die BILD dazu drängen, einen Teil dieses Geldes an Flüchtlinge zu spenden? Wäre damit den Flüchtlingen, die der BILD ja so wichtig sind, nicht viel mehr geholfen?

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Ich habe jedenfalls nicht auf den BILD-Blog gehört und mir die Ausgabe einmal näher angeschaut. Was mir darin auffällt: Neben einer großen Image-Auffrischungskampagne von VW ist die Ausgabe natürlich ein Loblied auf das seit 25 Jahren wiedervereinigte Deutschland. Es gibt Buzzfeed-artige Listen mit “25 Deutschen Büchern, die man gelesen haben muss” (kuratiert übrigens vom gerade verstorbenen Hellmuth Karasek) oder auch “25 wichtige deutsche Lieder”. Sonst Interviews mit deutschen Promis wie Dirk Nowitzki, 25 Lieblingswitze deutscher Komiker, und und und. Nichts brisantes, nichts von dem, für das die BILD sonst kritisiert wird.
Auch die Flüchtlinge kommen natürlich nicht zu kurz; auf Seite zwei wird, natürlich mit etwas Eigenlob der deutschen Freundlichkeit, die Ankunft der syrischen Flüchtlinge hier in Deutschland porträtiert.

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Doch eines ist ganz wichtig: Die Ausgabe ist ein Loblied auf die Wiedervereinigung. Keine Hetze, keine Falschaussagen. Nur Fakten. Und nun seien wir einmal ehrlich: Wer außer der BILD hätte denn sonst die Kapazitäten für solch eine große Kampagne? Seien wir doch froh und danken wir einmal, nur einmal, für dieses Geschenk. Einem geschenkten Maul schaut man ja sprichwörtlich sowieso nicht ins Maul.
Ist denn die Meinung, im Vorab schon über die BILD-Ausgabe zu urteilen, diese direkt wegschmeißen zu wollen, viel weniger als die Meinung der Nazis, Flüchtlinge nur wegen Vorurteilen wieder abschieben zu wollen? Und um diese geht es ja bei der ganzen Kampagne.

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Deshalb schlage ich vor: Lieber BILD-Blog, ändert doch eure Kampagne ein wenig, und lasst uns die BILD dazu bringen, selbst ein wenig an die Flüchtlinge zu spenden. Damit wäre doch viel mehr getan als mit 1000 Lernheften. Starten wir die Kampagne #BILDRevenueforRefugees!

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